____TEXTE


Textbeiträge von verschiedenen Autoren.

Dorothee Baer-Bogenschütz (Kunstkritikerin, Wiesbaden)

Abschied vom Holozän


Zur Installation "PARADISEsupreme - Paradies finden oder erfinden?" im Kunstmuseum Gelsenkirchen, Kunstverein Gelsenkirchen, 26.April - 7.Juni 2015.

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Der Raum spricht (Space speaks) zur Installation AEHETTRA in der AusstellungsHalle, Frankfurt am Main von Dr. Michael Jeismann, 2014.

Der Raum spricht

Grammatik der Formen: Die Installation AEHETTRA von Merja Herzog-Hellstén

Wie stellen wir uns an? Mit wem legen wir uns an? Worauf wollen wir hinaus? Solche Fragen führen zu einer Grammatik unserer Lebenswelt - mitsamt ihren Regeln und Unregelmäßigkeiten, ihren Ausnahmen -, die dynamisch ist und beweglichen Mustern folgt. Könnten wir in diese Grammatik eintreten wie in einen Wald voller Formen - würden wir uns verirren und nur noch herausfinden wollen? Oder ganz im Gegenteil: Könnten wir Regeln erkennen und Abweichungen identifizieren, die uns den Formenwelt wie ein Buch lesen ließen?

Merja Herzog-Hellstén lässt uns mit der Installation AEHETTRA die Struktur abstrakter Formen als etwas lebendiges begreifen, als etwas, das wächst und sich in eigener Logik in verschiedene Richtungen entwickelt. AEHETTRA ist Schauspiel und Lehrstück abstrakter Formkunst und zugleich Metapher für Sprache. Wer mag, kann hier auch das Sinnbild für literarische Motivketten entdecken, die einen Weg ohne Ziel zeichnen. Es gelingt Merja Herzog-Hellstén, abstrakte Kunst aus ihrem scheinbaren Autismus, aus ihrer Beziehungslosigkeit zu lösen und sie zuallererst als Beziehungskunst, als Sprache, auftreten zu lassen. Ja, Kommunikation ist nicht nur möglich, sie ergibt sich, wie der Betrachter erkennen wird, ganz zwanglos.

Merja Herzog-Hellstén hat ihre visuellen Forschungen begonnen mit den BIOGRAMMEN, die Rhythmus in Form übersetzen. So entstand nach und nach ein Ensemble an Formen. Beim Betrachten dieser BIOGRAMME bemerkte Merja Herzog-Hellstén, dass in ihnen vieles komprimiert ist und noch darauf wartet, zur Entfaltung zu kommen.

Die Künstlerin entschied sich, das BIOGRAMM "Talberg" zum Ausgangspunkt einer neuen Formenexpedition zu nehmen, um die geheime Grammatik der wachsenden Formen und ihrer Beziehungen untereinander zu erkunden. Durch Wiederholung und Variation ergreift diese Formensprache, der Herzog-Hellstén den Namen AEHETTRA gegeben hat, den Raum, füllt ihn aus und definiert ihn neu. Anders aber als die Grammatik der Sprache handelt es sich bei dieser angewandten Formengrammatik nicht um das Regelwerk einer linearen Lesbarkeit wie bei einer geschriebenen Zeile. Vielmehr entsteht eine multisensorische Surround-Wahrnehmung, so dass die Betrachter sich in der Formenvielfalt bewegen kann und so ihre Ähnlichkeit und ihre Wechselwirkung erfährt. So gibt es schnell oder langsam fließende Linien, geschlossenen oder offene, luftige Formen, weiche oder harte. Es kommt zu Gruppenbildungen und zu eigenen Unterhaltungen der Formen untereinander: Der Raum beginnt zu sprechen - und der Zuschauer kann nachsprechen, mitsprechen oder vorsprechen. Das Kunstwerk ist synästhetisch. Das wird vom Betrachter aber nicht als gewollt, als gekünstelt empfunden: Das Formenwachstum ist gleichermaßen logisch wie natürlich. Und diese Unaufdringlichkeit ihrer Kunst und deren synästhetische Qualitäten machen Merja Herzog-Hellstén zu einer idealen Botschafterin zwischen den Welten: Grammatik ist Genetik der Sprache und der Form - und so gelingt es der Künstlerin, die Sinne für die übergreifenden Formprinzipien zu wecken und zu schärfen.

Die begehbaren Entwicklungsstufen der Formen, die von einer einzigen Grundform ausgehen, hat Merja Herzog-Hellstén durch künstlerische Reflexion und Aufmerksamkeit entdeckt. Zu Hilfe könnte ihr dabei aber auch ihre finnische Herkunft gekommen sein: Das Finnische besitzt nach Wilhelm von Humboldt einen agglutinierenden Sprachbau, in dem wichtige Informationen wie Kasus, Zeit und Person durch ein einzelnes Affix ausgedrückt wird. Es sind also minimale Änderungen an eine Grundform, die die Aussage lenken. Ganz ähnlich scheint das Prinzip von AEHETTRA, das die Fülle der Formensprache aus Variationen, Hinzufügungen oder Weglassungen erstehen lässt. Wenn dieses Prinzip von der Eigenart der finnischen Sprache inspiriert sein sollte, so ist es doch zugleich universell. Nun schaut der Betrachter mit ganz frischem Blick auf die Welten von Buchstaben, die sich vor ihm ausbreiten, wenn er in ein Buch schaut und begreift, welche Wunder an Morphologie es in Händen hält. Denn auch der Buchstabe ist eine Art BIOGRAMM - und zwar in dem Augenblick, da er sich im Auge des Lesers mit anderen Buchstaben zu Wort und Sinn verbindet. Das Buch ist hinter einer planen Oberfläche tatsächlich also eine unerhört visuelle Angelegenheit mit Tiefenoptik - und die digitalen Möglichkeiten erlauben ihm, über sich selbst hinaus zu wachsen - und dabei doch immer die eigene Grundform zu kennen und zu erkennen zu geben. Wie die BIOGRAMME, so ist auch das Buch als Form nicht erschöpft. Es wartet darauf, sich weiter zu entwickeln.

Merja Herzog-Hellstén schenkt dem Betrachter mit ihrer Installation AEHETTRA also nicht allein eine begehbare Grammatik der Formen, sondern überdies ein Gleichnis für Entwicklung und Vielfalt über die Kunstsparten hinweg, wie man es sich präziser nicht wünschen kann.

Dr. Michael Jeismann (2014)

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Zur Installation MULTIPLE CHOICE als Kunst-Intervention in der CityKirche Konkordien, Mannheim. (Ausschnitt) Predigt Pfarrer Peter Annweiler am So 13.07.2014, Mannheim


(...) "Impuls: Gerücht, Geräusch und das Kunstwerk „MULTIPLE CHOICE“

Als Kind hatte ich  ich eine Zeitlang ein besonderes Spielzeug. Es war eine hohle Plastikröhre, die man durch die Luft wirbelte und die ein pfeifendes Geräusch machten. Wir standen mit mehreren Jungs in der Straße und haben versucht, uns in Geräusch und Geschwindigkeit zu überbieten. So sah das im Einzelbild aus: (Drehung mit den Kabelröhren in der Kirchenmitte.) Das Pfeifen klingt wie der Sound der Energie, vielleicht auch wie das Geräusch des Gerüchts. Und dieses energetische Geräusch steckt auch in unserem Kunstwerk, in seinem Innenleben.

Merja Herzog-Hellstén will mit ihren Verknotungen zunächst ja keine Arbeit zum Gerücht zeigen. Ihr Thema ist die Vielfalt der Wege und die Geschwindigkeit. Deshalb hat sie für ihre  Arbeit ja auch keine Seile genommen, sondern Röhren. Sie halten bedeckt und verborgen. Sie geben einer inneren Energie eine Richtung.

Die Künstlerin hat ihrer konzeptuellen Arbeit bewusst einen äußeren Anblick und eine innere Dynamik unterschieden.

Merja Herzog-Hellsténs Arbeit ist eine Metapher. Sie bildet ein materielles Netz, das auf Vieles verweisen kann: Auf die kommunikationsintensive Vernetzung, in der wir heute durch die Möglichkeiten des Internets stehen. Die Künstlerin zeigt, dass heute weniger Linien und Hierarchien  - und schon gar nicht von oben nach unten - die Welt im innersten zusammen halten, sondern Vernetzungen, Knoten, Energieballungen, die ganz anders als Säulen oder klare Aufbauten funktionieren. Verknotete Röhren als Sinnbild für die Schwebe des Lebendigen. Deshalb ist ihr Werk ja auch in Schwebe und steht nicht auf dem Boden.

Es entwickelt in der Draufsicht eine eigene Schönheit. Eben wenn es nicht mehr darum geht, alles aufzulösen und nach Lösungen zu suchen, wie man die Knoten entwirrt. Sie werden schön, indem wir sie lassen. Und aufhören, sie zu analysieren oder zerlegen zu wollen.

Heute blicken wir (mit der Anregung „Gerücht“)  nicht nur von außen drauf, sondern fragen nach der inneren Konstruktion: Röhren und keine Seile. Wegen des Innenlebens und der Geschwindigkeit, die da drin abgehen kann.

Eben wie in dem großen Teilchenbeschleuniger in Genf, an dem der Nobelpreisträger Peter Higgs nachgewiesen hat, dass es ein masseloses Teilchen gibt - das in der Wechselwirkung mit dem Feld Masse einstellen lässt.

Weil ich als Theologe das so lese, dann liegt nahe: Es ist doch nicht alles Materie. Es gibt eine Energie, die sich kaum nachweisen lässt. Es gibt einen ersten und lenkenden Energieüberschuss, zu dem wir religiösen Menschen, nicht Higgs-Teilchen sagen, sondern Gott oder vielleicht auch Geist. Und daher liegt es auch nahe, dass manche dieses masselose Teilchen als Gottesteilchen bezeichnet haben.

Doch Vorsicht: Der Künstlerin ist der Modus des Suchens viel näher als der des Antwortens. Deshalb ist auch das „Innenleben“ unseres Kunstwerks zunächst wertfrei. Es hat seine eigene Schönheit in den vielen Möglichkeiten im Multiple Choice. (...)

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Zur Ausstellung "medley3", 2007, Galerie Holzburg, Schrecksbach.
BEREITS DIE GESTALTTHEORETIKER WUSSTEN: ES IST NICHT ALLES SO WIE ES SCHEINT,
Dorit Kaufmann-Pompetzki (Psychoanalytikerin)

Die finnische Künstlerin Merja Herzog-Hellstén führte eine Befragung durch, „Was ist ein Kubikdezimeter Deutschland“, deren Ergebnisse sie nun der Öffentlichkeit in Verbindung mit einer künstlerischen Kartierung vorstellt. Was erkennt der Betrachter? Die Landkarte von Deutschland? Oder ein jugendliches Gesicht, das den einen oder anderen an eine bekannte Werbefigur, den Sarotti-Mohr, erinnert? Sehen Sie selbst.

 

Der historische Beginn der Gestalttheorie wird 1912 mit der Arbeit von Max Wertheimer über das Bewegungssehen und das Phi-Phänomen angesehen, bei dem abwechselnd blinkende unbewegte Lichtpunkte (bei bestimmtem zeitlichen und räumlichen Abstand) als ein sich bewegendes Licht wahrgenommen werden. Die auftretenden Scheinbewegungen sind nicht allein durch vorgegebene physikalische Bedingungen erklärbar, sondern verweisen auf Gestaltprozesse. Zu den bekanntesten Vertretern der ersten Generation der Gestalttheoretiker zählen außerdem Wolfgang Köhler, Kurt Koffka und Kurt Lewin.

 

In der erkenntnistheoretischen Grundlage der Gestalttheorie gehen die Wissenschaftler von der These aus, dass die physikalische Welt vom Menschen nie direkt erlebt wird. Vielmehr bildet sich im Inneren des Menschen ein Erlebnisraum heraus, in dem aufgrund psychophysischer Verarbeitung von aufgenommenen äußeren Reizen die gesamte erlebte und wahrgenommene Welt vom Gehirn in einer dreidimensionalen „Simulation“ abgebildet wird. Die wahrgenommene Welt eines Menschen setzt sich demzufolge zusammen aus von Sinneszellen gelieferten Nervenreizen sowie emotionalen und verstandesmäßigen Reaktionen, bei denen die individuelle Sozialisationsgeschichte unterschiedliche Filter entstehen lässt, welche die Wahrnehmung färben. Im Inneren entwickelt sich eine phänomenale Welt, die sehr verschiedene Wirklichkeiten abbildet. Die Künstlerin Merja Herzog-Hellstén greift bei ihrer Deutschland-Version auf das Phänomen der Kippfigur zurück, d.h. auf eine Abbildung, die zu spontanen Gestalt- bzw. Wahrnehmungswechseln führen kann. Das Faszinierende an der multistabilen Wahrnehmung ist, dass es für das Eintreten des Wahrnehmungswechsels als Landkarte oder als Gesicht weder Änderungen des Reizes selbst noch aktiver Veränderungen auf Seiten des Beobachters wie etwa spezielle Augenbewegungen oder willentliche Aufmerksamkeitszuwendungen auf das Reizmuster bedarf: Die Interpretation des Perzeptes wechselt spontan. In der abbildenden Kunst haben sich vor allem M. C. Escher und Salvador Dali, teils auch Paul Klee mit diesem Phänomen beschäftigt, es findet sich aber auch bereits in Mosaiken der Antike.

Braucht Deutschland eine Wahrnehmungsverschiebung, einen neuen Blick auf das Altbewährte, um ein Gesicht zu entwickeln, das ihm gut stünde? Frau Herzog-Hellstén gibt ihrem Kartierungsprojekt den Namen “wir sprechen uns“ und erläutert es folgender Maßen:

„Der Titel „wir sprechen uns“ bezieht sich auf „Deutschland und sein Gesicht“ als Angebot zur Kommunikation. Das Gesicht dient als Symbol für den Austausch zwischen Deutschland uns seinen Bewohnern sowie anderen, die sich mit den in Deutschland lebenden Menschen und mit dem Land selbst auseinandersetzen möchten.

Kommunikation als Mittel zur Verständigung um die Komplexität von Deutschland besser verstehen zu können! Das bestehende Gesicht steht also als Symbol für einen äußerst wichtigen Austausch. Es soll KEINE Visualisierung oder Interpretation von Deutschland sein. Visuell wird in jeder Darstellung - in jedem Bild - nur eine begrenzte Anzahl an Facetten angeboten. Die vielfältigen Farbvariationen der bewusst plakativ gehaltenen Darstellungsweise des Gesichtes korrespondieren mit den subjektiven Wahrnehmungen der Menschen und bilden künstlerisch kartierend die unterschiedlichen Antworten auf die Frage nach dem charakteristischen Kubikdezimeter Deutschland ab. Das Ergebnis der kartierenden Befragung ist Deutschland und sein Gesicht in vielen (Farb-) Variationen als Angebot zur Verständigung.“
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Zur Ausstellung "medley3", 2007, Galerie Holzburg, Schrecksbach.
Dr. Anton Merk (Kunsthistoriker)

Medley3 besteht aus drei Blöcken, die von Merja Herzog-Hellstén als Fortsetzung ihrer Arbeitsrichtungen und eigens für diese Ausstellung weitergeführt wurden und die einerseits für sich stehen und durchaus einen eigenen fomalen Charakter haben, aber in einem inneren Zusammenhang stehen.

 

 

Block I_BIOGRAMME

 

Die Zeichnungen dieser Serie entwickelte die Künstlerin aus dem Wechselspiel menschlicher Rhythmen und Rhythmen der Gesellschaft. Diese der Gesellschaft und den Vorgängen im Körper abgelauschten Formen entwickeln – einmal in der Welt - ein eigenes Potenzial. Es entstehen Zeichnungen und Metallbilder von einer eigenen Konsistenz, Körperlichkeit und optischen und haptischen Qualität: kristalline Äußerungen und lyrische Zeichen.

 

Eine Grafik zeigt die Kartenumrisslinien der Bundesrepublik Deutschland, in die ein Gesicht eingeschrieben ist. Diese Zeichnung hat die Künstlerin in einer Serie farbig gestaltet, sozusagen als eigener Beitrag. Als reine Linienzeichnung existiert eine zweite Auflage mit der gedachten Auflagenhöhe von 82 Millionen 310 Tausend, der Zahl der Einwohner der Bundesrepublik (offizieller Stand vom 31. 12. 2006). Jede Bundesbürgerin und jeder Bundesbürger kann nun eine Zeichnung erwerben und seinen Stellenwert in diesem Land und für dieses Land durch die Wahl des Exemplars und durch die eigene farbige Gestaltung ausdrücken.

 

 

Block III_Past Tense

 

Die beiden Lichtinstallationen mit dem Titel “Past Tense” wurden für die Ausstellung für die Galerie Holzburg entwickelt und leben ganz aus dem Genius Loci.

 

Die Installation in dem Galerieraum hat als Trägerelement ein rohe Holzkiste, die sehr stark an eine Kompostkiste erinnert wie sie auch im Garten des Alten Pfarrhofes steht. Aus dieser umgekippten Kompostkiste quellen nun keine verrottenden  Pflanzenreste, sondern leuchtende Blütenblätter, die gleichzeitig eine grazile Fragilität und eine poetische Strahlkraft aufweisen. Etwas Profanes wird transformiert in eine geheimnisvolle, fast transzendentale Ebene.

 

Die zweite Lichtinstallationen mit dem Titel „Past Tense“ füllt komplett die ehemalige Sommerküche, in der noch der zentrale Herd mit all seinen Spuren des Gebrauches steht. Lange Zeit war dieser Raum nicht mehr genutzt. Ebenerdig wächst der benachbarte verwilderte Garten fast zum Fenster herein.

 

Leuchtende Kugeln füllen den Boden – angeregt von Wespennestern, die sich in verlassenen Räumen wie diesen einnisten. Neben den Kugeln findet sich ein korbähnliches Gebinde aus dem Blütenblättern hervorleuchten. An der Decke hängen Blumen mit Stendeln und Blüten, die Fäden bis zum Boden fallen lassen.

 

Es entstand ein Raum, in dem die Spuren des Vergangenen in eine mystische Stimmung verwandelt wird, erzeugt durch dauerhaftes warmes Licht und durch die Handlung des Besuchers zu aktivierendes kaltes blaues Licht. Zu den leuchtenden Blütenblätter gesellen sich Kugeln mit kalten Luftquellen aus den nordischen Winternächten. Blumen, Nester, Kugeln verwandeln sich in ein poetisches Reich der Eisprinzessinnen.  

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Zur Ausstellung "FLUECHTIG", 2005, Haus der Stadtgeschichte, Offenbach am Main
EPHEMEROS, Dr. Rosita Nenno (Kunsthistorikerin)

"ephemeros", sagt uns der Duden, ist griechisch und heißt wörtlich übersetzt "nur einen Tag dauernd", im übertragenen Sinne steht es für vergänglich, vorübergehend oder nur kurze Zeit während.  Die Zeit ist Merja Herzog-Hellsténs Thema, die Zeit, die man braucht, um den Tunnel zu durchlaufen, die Zeit, die ihre Spuren hinterlässt durch chemische und physikalische Prozesse, die Zeit, die körperlich erfahrbar wird - oder sichtbar.

Ich entschließe mich also, den opak-transparenten Raum zu betreten, bin allein mit mir auf dem meine Schritte wippend erwidernden Brückenbau. Fast tänzerisch setze ich einen Fuß bewusst vor den anderen, ich muss es tun, denn jede Bewegung kommt zu mir zurück, und die luftigen Membranen antworten mit leisen Geräuschen. Eine Lichtsäule in der Mitte lädt zum Innehalten ein, noch weiß ich nicht, was mich erwartet: ist es ein Sicherheitscheck wie am Flughafen, eine Überraschung, eine Erleuchtung? Was muss ich offen legen, wenn es gleich piept? - Doch es ist nur ein freundliches Zwischenstadium, ein Ruhemoment in der Zeit, ein Überprüfen dessen, was noch kommen kann. Dieser Augenblick teilt die Zeit in ein Davor - ein Jetzt - ein Danach.

Die Erfahrung dieses Ganges hinterlässt ihre Spuren in mir, das Zurücklaufen ist nicht gleich sondern eine neue Erfahrung des nun nicht mehr unbekannten Raumes, das Déjà vu wird ergänzt durch die Komponente des wieder Neuen.
In dieser Installation steuert jeder Besucher das individuelle Erleben von Raum und Zeit für sich selbst.

In den "Zeitkartierungen/Zeitschichtungen" benannten Metallplatten greift Merja Herzog-Hellstén ein Element früher Arbeiten wieder auf: die abstrahierte Abbildung der Zeit, die Wechselwirkung natürlicher (Wasser) und künstlicher, hier industriell gefertigter Materialien im Ablauf eines Zeitintervalls. Wie Landschaften lassen sich die Ablagerungen lesen, die die ursprünglich im Wasser gelösten Kalk- und Mineralienanteile beim Auftrocknen hinterlassen haben. Ein neutraler Startpunkt markiert den Urzustand, die unbehandelte Metallfläche, auf die die Zeit ihre Sedimente setzt. Als bildnerisch-abstrahierten Ausdruck der abgelaufenen Zeit lassen sie die Seins-Zustände der physischen Atmosphäre in Stufen ablesen.

Ganz ähnlich ist es auch in den Fotocollagen, in denen sich die Installation in Blick-Punkte auflöst, deren leichte Masse gleich ganz weggelassen wird bis auf das einzelne Detail, bis auf die Pixel, die wir uns im Wissen um die Gesamtheit ergänzen und doch immer wieder neu wahrnehmen müssen, so als würden wir eine ferne Tallandschaft von einem Hügel aus Stück für Stück mit dem Touristen-Fernrohr erkunden.

Seit Merja Herzog-Hellstén 1997 in ihrer Ausstellung "Baumtüten" mit Folien und Licht Luftformen erzeugte, hat sie ein Thema nicht mehr verlassen: Das Nicht-Greifbare visuell fassbar machen. In "flüchtig" hat sie erneut eine Form dafür gefunden.
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Das Nicht-Greifbare visuell fassbar machen, 2004, Dr. Rosita Nenno (Kunsthistorikerin)

Seit Merja Herzog-Hellstén 1997 in ihrer Ausstellung "Baumtüten" mit Folien und Licht Luftformen erzeugte, hat sie ein Thema nicht mehr verlassen: Das Nicht-Greifbare visuell fassbar machen.

Sie spürt entmaterialisierten Formen nach, wenn sie etwa in ihrer empirischen Kartierungen den eigenen Körper als graphisches instrument einsetzt, Bewegungsschwingungen umsetzt auf der Suche nach Entstehung einer Linie, die dann als reduzierte graphische Spur auf Sperrholz gebannt, die ganze Wucht der intellektuellen Vorarbeit transportiert.

Auf einer Metaebene lässt Merja Herzog-Hellstén aus dem "Nichts" eine Form entstehen, Lichtkörper bilden sogenannte "Licht- und Luftformen". Da diese aus keiner Materie bestehen, findet das visuelle Festhalten dieser Formen entweder im Moment der Betrachtung einer Installation statt oder aber in einem fotographischen Ab-Bild der flüchtigen Form.

Die Titel ihrer Ausstellungen "Wirbel" und "Wirbelungen" verdeutlichen, dass Merja Herzog-Hellstén ihre Skulpturen nicht als statische Gebilde sieht - die Bewegung ist implizit. In den neuesten Installation "BORDER ZONE" schafft sie den Licht- und Luftformen allerdings eine formale Grenzzone und erreicht damit eine Darstellung von "Raum dazwischen" und dessen Inhalt.

Dei Werke von Merja Herzog-Hellstén zeugen von einer intensiven und konsequenten Arbeitsweise, die sich an der Grenze zwischen den Medien bewegen.
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Zur Ausstellung ORG.ORGANIS., 2003, Museum Papiermühle, Homburg
DIE LINIE ALS KONKRETISIERTE UND KONDENSIERTE TIEFENDIMENSION DES SEINS,
Thomas I. C. Becker (Kunsthistoriker)

Blickt man auf Merja Herzog-Hellsténs Linien-Tafeln, scheint zunächst alles vertraut und geradezu banal: Linienverläufe, die an Klimakurven, seismografische Aufzeichnungen oder ein EKG erinnern, in gleich langen Abschnitten und gleicher Streifenbreite wie zur vergleichende Analyse präsentiert. Doch an diesem punkt stört erstes Befremden den einfachen Wahrnehmungsprozess, denn dem zur Analyse bereiten Blick sind ordnende Koordinaten versagt. Oder besser: Jene Linien haben sich vom Ballast mathematischer Organisation befreit. Andererseits aber - nach erstem Befremden wird die Wahrnehmung schärfer - sind die Linien doch wohl betont dauerhaft gebannt, nicht auf leichter vergänglichem Papier, sondern auf Holz fixiert. Befreit und verewigt zugleich sind also diese Linien. Und damit als Linie autonom bedeutend und zur Kunst-Linie erhoben.

Spätestens jetzt erfährt der Wahrnehmungsprozess eine noch weiter gehende Befremdung, erweist sich doch die Linie auf den Linien-Tafeln als "Nichtlinie" (Herzog-Hellstén), als mit der Handdekupiersäge weggenommene Linie, als Hohl-Raum. Damit entsteht eine Paradoxon, ist doch ‚Linie? eigentlich weder Fläche noch Raum.

So wird die Linie bei Merja Herzog-Hellstén zum Medium der Vergegenwärtigung des Vorhanden-Seins im Nicht-Vorhanden-Sein, zum Bild einer philosophischen Dimension: Sie wird zu einer ungekannten Verbildlichung einer zeitlichen und räumlichen Tiefe des Seins an sich, die zeitlich als Segment aus einem Kontinuum gegenwärtig ist, räumlich als Teil des Raumganzen definiert.

Ursprung dieser Linien-Tafeln - wie der Ursprung der anderen Arbeiten auch - ist Merja Herzog-Hellsténs empirische Kartierungsakt der Homburger Weinberge, ein Akt, der für sie einen Versuch der Identifikation mit dem landschaftlichen Umfeld bedeutet. Identifikation meint dabei einen Prozess der Verinnerlichung einerseits und des Eins-Werdens andererseits. So wird, zu Fuß, das Aufspüren und Fixieren von Wesens - bzw. Seins-Linien des personalen Inneren. Die Linie wird als seismografisches, Beziehung und Identifikation stiftendes Medium zum inneren Halt.

Im erheben dieser Linien zur ‚Kunst-Linie? im oben beschriebenen Sinne gewinnen die ordnenden, bindenden Linien ihre Bedeutung und Kraft als Äquivalent zur inneren Ordnung der Seele. Die Kartierung der Weinberge wird so künstlerisch übersetzt in eine Objekt-Metapher des Inneren im Eins-Werden mit dem Äußeren. In der Linie Merja Herzog-Hellsténs ist damit nicht nur die gesamte Materialität und Masse der Weinberge, ihre zeitliche und überzeitliche Natur und Kultur, sondern auch die Landschaft des Inneren kondensiert und konzentriert. Linien in Form einer ‚Nichtlinie?, die ihre Kraft aus der Tiefe des Seins-Raumes schöpft.

Vor dem Hintergrund des Erläuterten zeigen die Arbeiten aus Baumwoll-Leinwand eine sinnlichere Sprache. Merja Herzog-Hellstén hat hier, ausgehend auch von älteren werken aus gerissenen und farbig gefassten Leinwandflächen, den Natur-Aspekt stärker in den Blick gerückt. Ob mit - in den farbig gefassten Leinwand-Arbeiten - oder ohne jahreszeitliche Konnotationen und trotz der strengen Parallelität der Lineaturen vermitteln die die Fläche organisierenden Linien hier auf sinnliche Art und Weise als in den geistbetonten Linien-Tafeln die Kraftvolle Ruhe dieser stillen Seins-Ordnung. Jene Werke mit aufgenähten, fensterartig ausgeschnittenen, teilweise des Blick auf alte Fotos schemenhaft gewährenden Zelletten betonen unter den Leinwand-Arbeiten dabei vor allem die zeitliche Tiefe des Gewachsen-Seins und des Weiter- und Über-Wachsens, ein wieder über die Kartierung der Weinberge gewonnenes Sinnbild der Identität verheißenden Äquivalenz von Äußeren und Inneren Welt. Gerade in den Arbeiten mit integrierten Fotos gewinnen die - Natürlichkeit assoziierenden - Risslinien eine die Erinnerung haltende, umspannende und ausnehmende Dimension. Merja Herzog-Hellsténs Linie ist in den hier versammelten Arbeiten immer auch pulsierend, die Linie wird zum Äquivalent pulsierenden (Er-)Lebens. Ob geistig fixiert (Linien-Tafeln) oder sinnlich geordnet und beruhigt (Leinwand-Arbeiten): Sie verbildlicht immer auch vibrierende, aus der Tiefe kommende Energie.

Diese Dimension wird eindrücklich und miterlebbar inszeniert in den an die camera obscura erinnernden "Luftlinien": In einem schwarzen Kasten werden in Sperrholz gesägte ‚Nichtlinien? nur als Lichtlinien, d.h. Energie-Linien, sichtbar - in einem Raum, der objekthaft eigentlich Fläche ist. In diesem Objekten, im Materialen geprägt also von einem doppelten Paradoxon, kulminiert die Linien-Kunst Merja Herzog-Hellsténs, in dem das von der Künstlerin beim Kartieren so erlebte Eins-Werden mit den abgeschnittenen oder geschauten Linien im Medium der Kunst als Seins-Erfahrung nachvollziehbar konkretisiert ist.

Die Linie als konkretisierte und kondensierte Tiefendimension des seins: Merja Herzog-Hellstén gelingt hier eine bisher so in der Kunst nicht oder nur ansatzweise formulierte kategoriale Autonomisierung des künstlerischen Mediums Linie, das sich völlig von seiner meist als verpflichtend empfundenen Eindimensionalität gelöst hat.
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Zur Ausstellung "Wo die Schatten lange liegen", 1999, Galerie im Turm, Reutlingen
SCHATTEN - SPUREN ZWISCHEN VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT,
Thomas I. C. Becker

Schatten: kein anderes Phänomen des Lichts scheint den Menschen seit Urzeiten tiefer berührt, ja, verunsichert zu haben. Nicht erst das griechische Altertum sah im Verlust des Schattens so etwas wie Persönlichkeitsverlust, und in diesem Ich-Verlust den Tod - als durch göttliche Kraft bewirkte Verdammnis. Im Mythisch-Magischen verhaftet sind aber auch Vorstellungen, die wieder von göttlichen Wirken ausgehen: So heilt Petrus, indem sein Schatten auf den Elenden fällt.

Schatten: Vielleicht deshalb so vieldeutig-mysteriös, weil  er "noch weniger" ist als Licht. Schon Licht übersteigt durch seine Eigenart, keine Materie, sondern "nur" Energie zu sein, leicht die Vorstellungskraft des Menschen. Doch Schatten ist eben nicht nur "keine Materie" wie das Licht, er lässt sich vielmehr definieren als das relative Fehlen von Lichtenergie. Damit scheint "Schatten" prädestiniert zur symbolhaften oder metaphorischen Kennzeichnung von Flüchtigkeit, von Vergänglichkeit menschlichen Tuns, gar menschlichen Seins.

Merja Herzog-Hellstén nähert sich den vielschichtigen Assoziationen und Bedeutungen von "Schatten" auf ganz eigene, ebenso vielschichtige weise. Der ihr eigenen methodischen Feinfühligkeit und sorgsamen Variabilität gelingt eine erfolgreiche Suche nach "anderen" Formen und Ausdrucksmitteln für ein facettenreiches Bündel von geradezu existentiellen Schatten-Aussagen und -Deutungen. Wesentliche Grundlage dafür ist ein den Mixed-Media verpflichtetes arbeiten, das reichhaltig Möglichkeiten ausschöpft, Flächigkeit in Plastizität zu überführen, und dabei realen und immer den Wandel unterworfenen Schatten mit ins Werk zu binden.

Schatten sind wandelbar und flüchtig, sind damit selbst bei scharfer Konturiertheit weich. Merja Herzog-Hellsténs Arbeiten setzen dies in Farbtonalität und Material wie Montageschaum und Leinwand ins Bild und in den (Innen-) Raum des Betrachters. Ihre Schatten sind wandelbar und flüchtig, wenn wie in "Unterwegs" fünf Boote in beinahe monotoner Gleichmut des Ruderns über und durch die Wasser gleiten. Gerade in dieser Installation geöffnete Arbeit, wo die Boote als Vehikel des Lebens fungieren, wird ‚Schatten? als Metapher und Symbol menschlicher Vergänglichkeit im Weltganzen sinnfällig.

Eindrucksvoll gelingt es Merja Herzog-Hellstén in ihren Arbeiten auch, ein Bedeutungsfeld wie, ‚Schatten der Vergangenheit? zu thematisieren. "Erschöpft" beispielsweise vergegenwärtigt im formalen Erschlafft-Sein ein Leben aus der Erinnerung heraus, die selbst schon weich und schemenhaft der Flüchtigkeit von Schatten anheim zu fallen scheint. Das Leben, präsent in der Gesamtform, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Schatten seiner selbst. Doch gerade hier wird besonderes anrührend, dass die Vergänglichkeit von Schatten - und damit von Leben - durch das (ab-)bildhafte Fixieren z.B. durch das Medium der Fotografie scheinbar aufgehalten werden kann. Schatten festhalten also: Sie werden damit zu erinnerbaren Spuren der Vergangenheit, zur bleibenden Dokumentation von Flüchtigkeit. Letzteres vollzieht sich in den werken Merja Herzog-Hellsténs mehrschichtig, thematisiert doch ihre Arbeitsweise an sich schon die Paradoxie der festgehaltenen Flüchtigkeit. Besonderes dort also, wo als Bestandteil des Werks dieses Festhalten noch einmal vor Augen geführt wird, wird diese Paradoxie als solche dem Betrachter zur existentiellen Erfahrung.

Und schließlich: Arbeiten wie "Neuling" disponieren Schatten als Phänomen des Zukünftigen, thematisieren Leben, das seinen Schatten vorauswirft. Merja Herzog-Hellstén vermag durch Weichheit und "Leere" von Materialität und Gesamtform, durch den Einsatz von Folien des ‚Unfertigem? und ‚Leeren? auf die Schatten, die kommen werden, vorauszudeuten. Hier schließt sich gleichsam der Kreis von Schattendeutungen als Spuren zwischen Vergangenheit und Zukunft, der philosophisch zentriert erscheint in "Pur", der reduziertesten, allen Assoziationen und Ausdeutungen offenen Arbeit des Werkkomplexes.

"Wo die Schatten lange liegen": Ein innerer Ort der finnischen Heimat der Künstlerin, ein innerer Ort zwischen Vergangenheit und Zukunft, ein innerer Ort dieser Arbeiten, ein innerer Ort unseres Seins. Ein Werkkomplex, der in seiner Originalität und Zeitlosigkeit weit über dem Schatten des Flüchtigen steht.
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